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  • Fr. 24. und Sa. 25. März 2017, 20:30 Uhr
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Zur Fassung

Für die Produktion Die Herzogin von Malfi ist eine ganz neue deutsche Fassung erstellt worden, die exklusiv im Kellertheater zu sehen sein wird und selbst Kennern manche Überraschung zu bieten hat. Erfahren Sie im folgenden Interview mehr dazu.

Die Herzogin anno 2017 – Eine Fassung für das Publikum

Marcel, wie kam es zu der Idee, für diese Inszenierung nicht auf eine der vorhandenen Übersetzungen (u.a. von Plessen und Murnau) zurückzugreifen? Warum gleich eine Neufassung?

Während der Vorbereitung habe ich drei vorhandene Übersetzungen verglichen. Kurzum: ich war nicht begeistert. Die neueren Übersetzungen, die so neu gar nicht mehr sind, kranken daran, dass sie entweder zu genau am Text kleben, oder ihn, ganz im Gegensatz dazu, bis zur Unkenntlichkeit verbrämen. Das ist schade. Denn Webster hat eine faszinierende Sprache und verwendet zahllose Bilder, die man, wenn überhaupt, nur mit sehr viel Fingerspitzengefühl ins Deutsche transferieren kann. Nimmt man die Zeit der Entstehung dazu, den Kontext, das Tagesgeschehen, eröffnen sich also zwei große Problemfelder.

Eine wortgenaue Übersetzung als falsch verstandene Werktreue bedeutet, dem deutschen Publikum bereits im Vorfeld die Chance zu nehmen, den Inhalt richtig zu verstehen. Denn wir können mit den Bildern und Anspielungen, die der Theatergänger 1612/13 mühelos einordnen konnte, schlicht und einfach nichts mehr anfangen. Das beginnt bereits bei den zahllosen Verweisen auf die griechische Mythologie. Mit der sind wir heute kaum mehr vertraut. Oder Anspielungen auf die Londoner Tagespolitik bzw. andere, im Umfeld der Entstehungszeit der Herzogin entstandene Werke. Keine Chance, wenn man da kein Spezialist ist. Um den Text dann trotzdem genießen zu können, muss man sich erst durch 300 Seiten Anmerkungsapparat quälen.

Das andere Problem ist eben die Verbrämung. Da schlägt einem nicht nur eine heute kaum mehr nachvollziehbare Frömmigkeit um die Ohren. Da wird vor allem der ansonsten höchst schroffe Text geglättet! Das wollte ich nicht übernehmen. In der Herzogin finden sich harte Sätze, die einen umhauen. Er strotzt vor sexuellen Anspielungen und Witzen, vor Grausamkeit und Irrsinn. Da dachte ich: wenn man sowas schon auf die Bühne bringt, dann auch ohne Rücksicht auf zarte Gemüter.

Allerdings gibt es die wunderbare Übertragung, oder vielmehr Umdichtung, von Friedrich Bodenstedt aus dem 19. Jahrhundert. Diese ist natürlich, man kennt das von Shakespeare, sehr erhaben und glättet ebenso den Text. Doch Bodenstedt hat wunderbare Sprachbilder (und manchmal auch Stilblüten) gefunden, die ich gern übernehmen wollte. Nachdem also der erste Akt schon übersetzt war, besann ich mich auf die Stärken zahlreicher Stellen in Bodenstedts Übertragung und fußte meine eigene Übersetzung darauf. Das hat gut geklappt. Nebeneinander finden wir jetzt die Schönheit der Sprache und die Abgründe der Worte, den Hauch des Erhabenen und den eisigen Wind der Perversion. Natürlich entdeckt man auch auch in anderen Übersetzungen schöne Stellen, deren Verwendung aber aus rechtlichen Gründen nicht möglich war.

Ein letzter und ganz pragmatischer Grund: trotz der weitreichenden Bearbeitung muss ich nicht fürchten, dass mir ein Theaterverlag Vorschriften über Inhalt, Deutung und Besetzung macht. Das ist natürlich beruhigend!

Wie weit reicht diese Bearbeitung? Kann man denn noch getrost von Webster sprechen?

Zuerst: Es ist und bleibt Webster. Ich verstehe mich, als Übersetzer und als Regisseur, als Anwalt des Dichters. Meiner Meinung nach tut man einem Werk und seiner Rezeption keinen Gefallen, wenn man es nur als Steinbruch für eigene Ideen benutzt. Aber eben auch nicht dadurch, dass man sklavisch an jeder Szenenanweisung, an jedem Endlosmonolog klebt.

Jede Inszenierung bietet ja in gewisser Weise eine Bearbeitung des Textes, meist schon wegen der vorgenommenen Striche. Bei der Herzogin ist viel Text auf Strecke geblieben. Das tat mir zwar sehr weh, denn es handelte sich um ausgezeichnete Dichtung. Jedoch führte ich mir stets vor Augen, dass das Publikum in 400 Jahren eben völlig neue Sehgewohnheiten und -erwartungen entwickelt hat, und dass es dem Werk nur schaden würde, bestünde man noch auf den kleinsten Vers. Webster selbst schrieb übrigens im Vorwort, dass es sich bei dem überlieferten Text um eine Lesefassung handelt und dass er hierzu Passagen hinzugefügt und erweitert hat. Auch das Titelblatt spricht davon, dass bereits die Uraufführung Kürzungen enthielt. Das hielt ich mir immer wieder vor Augen.

Und inwieweit hast du in die Handlung und die Dramaturgie des Stückes eingegriffen?

Weitere Aspekte der Bearbeitung betreffen das Personal, deren Charakterisierungen und das Weglassen, die Verdeutlichung oder das Hinzufügen inhaltlicher Schwerpunkte.

Das Personenverzeichnis führt beinahe 30 Rollen auf. Natürlich musste da komprimiert werden. Außerdem wollte ich keine Mehrfachrollen besetzen, weshalb bspw. Pescara und Silvio an Eigenständigkeit und Textumfang gewonnen haben. Die Inszenierung wird zeigen, auf welche Weise da eine Lösung gefunden werden konnte. Zahlreiche Personen fielen ganz unter den Tisch, etwa eine Amme, die sich einen herrlichen, aber für die Handlung unwesentlichen Schlagabtausch mit dem Intriganten Bosola liefert.

Recht früh stand fest, in welche Richtung die Inszenierung gehen sollte. Bei der Arbeit machte sich also der Vorteil einer Neufassung bemerkbar, denn ich war gar nicht dem Zwang ausgeliefert, den Text zurechtbiegen zu müssen. Wer die Handlung oder gar den Text kennt, wird überrascht sein, wie grundlegend sich die Ambitionen und Gefühlswelten der Personen in unserer Fassung gewandelt haben. Das betrifft vor allem die „Liebesgeschichte“ zwischen der Herzogin und Antonio, die mich schon immer misstrauisch gemacht hat. Hier konnte ich meine Deutung bereits in der neuen Textfassung verankern. Das moralisch fragwürdige Begehren Ferdinands zu seiner Zwillingsschwester wird indes stärker gewichtet als im Original und dient als Triebfeder, um die Handlung in Gang zu setzen. Schließlich braucht es 2017 keine zarten Andeutungen mehr! Gleiches gilt für Ferdinands Wahnsinn, der bei Webster recht unvermittelt eintritt, dem ich jedoch durch Hinzufügungen mehr Raum zur Entwicklung geben wollte. Eine ganze Szene wurde extra für die Neufassung eingefügt, die das ambivalente Verhältnis Castruccios zu seiner Frau Julia thematisiert. Eigentlich treffen die Eheleute nämlich niemals aufeinander. Mir war es jedoch wichtig, eine private Szenerie abseits des Höfischen zu schaffen, die dem Publikum ein gewisses Identifikationspotenzial bietet. Zudem wertet dieser Eingriff, hoffentlich in Websters Sinne, die Nebenfiguren erheblich auf.

Gänzlich wird Neuland betreten, indem die Inszenierung der Geschichte einen Prolog voranstellt, der die Vorgeschichte erzählt. Dieser wird zwar im Text aufgegriffen (in welcher Weise, müssen die Zuschauer entdecken), die eigentliche Handlung jedoch findet pantomimisch statt. Motiviert wurde dieser Einfall durch die auch in Websters Theatertext eingeschriebene Pantomime im dritten Akt, die an einem Wallfahrtsort spielt. Auch hier galt es, dem Drama Tiefe und Mehrdeutigkeit zu verleihen, indem bspw. aufgedeckt wird, wer der ominöse erste Ehemann der „jungen Witwe“ gewesen ist. Mehr sei dazu jedoch nicht verraten.

Das klingt kompliziert …

Die Herzogin ist kein einfacher Stoff. Das sind Shakespeares Werke auch nicht, doch mit denen und den darin verwendeten Topoi ist man vertraut(er). Mein Ziel war es deshalb, eine Fassung zu erstellen, die sowohl der Komplexität des Werkes als auch den Ansprüchen eines heutigen Publikums Rechnung trägt. Das Stück fordert heraus, aber auf unterhaltsame Art. Es gibt kaum Längen, dafür sorgt auch die moderate Spieldauer von zwei Stunden. Ständig passiert etwas, wechseln sich Szenen unterschiedlichster Couleur ab. Es gibt keinen Stillstand, die Handlung treibt voran bis zum bitteren Ende. Ich glaube, das Publikum wird sich gut unterhalten.

Unterhalten, also auch gruseln? Der Untertitel lautet schließlich „makabre Tragödie“. Was darf man darunter verstehen?

Während der Vorstellung wird der Zuschauer, der Lust und Offenheit mitbringt, die verschiedensten Emotionen durchlaufen. Es gibt durchaus Momente, die einem Gänsehaut verschaffen. Makaber ist der Grundton des Stücks, vor allem dieser Fassung. Doch macht sich der nicht in billigen Effekten deutlich. Vielmehr ist dem Text, besonders in Ferdinands Fall, eine groteske, manchmal surreale Absurdität eigen, die sowohl komisch als auch gruselig sein kann. Das kommt auf den Zuschauer an. Für ganz zarte Gemüter taugt die Herzogin indes wenig, oder vielmehr: der Nervenkitzel ist dann vorprogrammiert, denn die verwendete Musik unterstützt das Makabre des Textes und der Handlung noch stark.

Zum Schluss: Welchen Rat würdest du den Zuschauern, die gar nicht wissen, was auf sie zukommt, mit auf den Weg geben?

Gehen Sie ganz offen an den Abend heran. Lassen Sie alle Emotionen zu, auch wenn Sie selbst von ihnen überrascht werden. Lesen Sie im Vorfeld die Handlung, die sie dem kostenlos ausgegebenen Programmleporello entnehmen können. Und vor allem: unterhalten Sie sich gut und nehmen Sie im besten Fall etwas von dem Gesehenen und Gehörten mit nach Hause.

 

(Die Fragen stellte Lisbeth Kirschbaum)